Archiv
Wort zum Sonntag
Damit die Kirche nicht alt wird

Pfarrer Frank Fiedler
Am Montag, dem 31. Oktober 2011, feiert die Evangelische Kirche den Reformationstag. Reformationstag, das mag für viele unter uns von Jugend an eine Mischung sein aus Luthers Thesenanschlag in Wittenberg 1517, seinem „Hier stehe ich, Gott helfe mir. Amen“ auf dem Reichstag von Worms 1521, aus „Eine feste Burg ist unser Gott“ und wohl auch Abgrenzung gegenüber anderen Konfessionen.
Ich bin dankbar, dass diese
Abgrenzung inzwischen ergänzt,
ja überboten wird durch
gegenseitige Wertschätzung,
ein gutes Miteinander und vielfaches
gemeinsames Denken
und Handeln. Im September besuchte
Papst Benedikt XVI. Erfurt
zum Gespräch mit Protestanten,
das Treffen fand im Augustinerkloster
statt (!), wo
Martin Luther um die Erkenntnis
des gnädigen Gottes rang
und die notwendige Erneuerung
der Kirche erkannte. In
Menden treffen sich am Reformationstag
die katholischen
Christen, die Freie Christliche
Gemeinde Ecclesia und wir von
der Evangelischen Kirchengemeinde
Menden und bekennen
gemeinsam unseren christlichen
Glauben, ziehen gemeinsam
von der Heilig-Geist-Kirche
zur St.-Vincenz-Kirche.
Der Reformationstag ist kein
stolzer oder sentimentaler
Rückblick auf Ereignisse, die
500 Jahre zurückliegen. Ein Reformationstag
erinnert daran, dass die Kirche immer wieder Erneuerung, Reformation nötig hat, weil sie immer in der Gefahr steht, „alt“ zu werden, also nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein, sondern unten am Boden, ganz der alten Welt verhaftet, nur noch ein Religionsbetrieb.
Aber was ist „neu", was meint
„Erneuerung", worauf wollten
die Reformatoren hinaus? Neue
Lieder, neue Liturgien, schauen,
was gerade modern ist - oder
noch etwas ganz anderes? Jede
kirchliche Erneuerung taugt so
viel, wie sie bewirkt, dass die
Kirche erneut Kirche ist. Sonst
treibt sie Allotria, und ihr
Schweiß ist umsonst vergossen, Im Mittelpunkt der Reformation
hat deshalb das Wort "allein"
gestanden. Vierfach wurde
damit die Grundlage der Kirche
bestimmt:
„Allein durch Jesus Christus,
allein durch die Bibel,
allein durch die Gnade,
allein durch den Glauben."
Ließen wir dieses „Allein" geiten,
würde tatsächlich etwas
Neues mit der Kirche geschehen
(unsere Erneuerungen geschehen
meist nur „in" der Kirche).
Die Kirche selbst würde
verwandelt zu einer Kirche, in
der sich die Menschen intensiv
mit Jesus Christus befassen, der
sich ihrer angenommen hat. Sie
tun es nicht, weil das in der Kirche
so üblich ist, sondern weil
Jesus Christus mit seiner Freude
und seinem Leiden, seiner Radikalität
und seiner Geduld, seiner
Liebe und seiner Hoffnung,
seinem Tod und seiner Auferstehung
uns die Maßstäbe
für unser Leben setzt.
In so einer Kirche würde die
Bibel wieder das aufregende
Buch, das sie ist, nicht nur in
einzelnen Passagen wie der
Schöpfungsgeschichte oder der
Bergpredigt, sondern als buntes, lebensvolles Zeugnis davon,
wie Gott den Menschen begegnet.
In einer Kirche, die sich „allein
durch die Gnade" bestimmen
ließe, leben nicht lauter
Konkurrenten, die sich voneinander
abgrenzen müssen
durch Konfession und Tradition,
sondern lauter Beschenkte, die
sich gegenseitig annehmen, beschenkt
mit der Zukunft, die
Gott verheißen hat, befreit von
der Sorge um das eigene Heil
und vollkommen frei für das
Wohl des Nächsten.
In einer solchen Kirche garantieren
nicht die eigenen Leistungen,
nicht Geld noch Klugheit
unsere Sicherheit oder
unser Leben, sondern allein das
Vertrauen auf Gott, unseren Vater, mit dem wir ständig im Gespräch
sind.
Die Kirche - wir Christen - brauchen
den Reformationstag,
damit wir an dieses vierfache
"Allein" erinnert werden
und unsere Kirche nicht alt
wird.
Ihr Frank Fiedler
Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Menden
